Hazel Eyes – Das Leben der Sarah Hennington

written an copyright by Nema Ravenhost


Sarah Hennington hat einen großen Traum: sie möchte Autorin eines Bestsellers werden. In ihrem Online-Tagebuch erzählt sie vom täglichen Wahnsinn in Ihrer vierköpfigen WG, dem chaotischen Studentenleben und dem steinigen Weg, den eigenen Zielen treu zu bleiben.




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Samstag, 21. Juni 2014

12. Folge - Dinner for one?

Und es war eine absolut dumme Idee. Das musste ich mit absoluter Sicherheit feststellen, als die eingeladenen Bekannten inklusive Pierre und Peter in unsere WG hockten. Ich hatte mir überlegt ein kleines gemeinsames Festessen zu arrangieren, bei dem wir vorher noch das Essen selbst kochen würden. Eve würde uns anleiten. Also quasi ein kleiner Kochkurs.
Pierre und Peter sollten sich beim Kochen näher kommen. Die anderen, also Mike, Eve, und ein Päärchen, das Eve mit geschleppt hatte zur Tarnung und ich, sollten nur Statisten in dieser obskuren Szene sein.
Und na ja was soll ich sagen: ich hatte einen entscheidenen Faktor vergessen. Obwohl Männer schwul sind, sind sie immer noch keine FRAUEN. Frauen könnten so etwas romatisch finden, für Männer, egal welche Ausrichtung ihre sexuellen Vorlieben haben bleibt es scheinbar bei der Gleichung Kochen = Arbeit.
Zumindest war es bei Pierre und Peter so.
Ich musste sehr schnell feststellen, dass Peter absolut kein Kochfan war. Er verkündete sogar zwischenzeilich, dass es Aufgabe der Frauen seien, sich um das Essen zu kümmern woraufhin er von Mike folgenden Kommentar erntete:
"Aber Peter, du bist doch schwul! Wie soll denn da je eine Frau für dich kochen? Und irgendwie muss deine Figur doch gehalten werden."
Und Pierre sah Peter äußerst genervt an. Eve, die ich in die ganze Situation eingeweiht hatte, versuchte ihr Bestes, um die Situation zu entspannen. Aber das war auch eher hinderlich als förderlich. Es war halt keine gute Idee die Salatgurke, die eigentlich zum Verzehr gedacht war als Spielzeug für irgendwelche schwulen sexuellen Praktiken anzudeuten.
Das eingeladene Eve-Päärchen kicherte die ganze Zeit nur dumm rum und schnappten sich die Gemüsestangen aus der Schnauze des anderen.
Irgendwann hatte mich Pierre zur Seite genommen.
"Was soll der Scheiß, Sarah?" Oh man, war der sauer. "Ich dachte wir machen eine gemütliche Kochrunde. Dass noch andere Leute dazu kommen davon war doch nie die Rede. Wollten wir es uns heute nicht einfach nur gemütlich machen?"
"Ich hatte halt gedacht ich lade ein paar mehr Freunde ein, das wäre lustig." behauptete ich. Eher weniger überzeugend.
"Ach erzähl doch keinen Blödsinn. Aus irgendeinem Grund hast du Peter hier angeschleppt. Und ich weiß auch den Grund: du möchtest mich mit ihm verkuppeln, oder?"
Meine Reaktionsfähigkeit eine passende, gelogene Antwort auf diese Frage zu finden war sehr eingeschränkt. Pierre erkannte also direkt , dass er voll ins Schwarze getroffen hatte.
"Ich bin schwer enttäuscht von dir." flüsterte er. "Du weißt doch, dass ich es in meinem Leben nicht immer leicht hatte und dir fällt nichts besseres ein als DAS da?" Er zeigte abfällig auf Peter der irgendwo hinter ihm versuchte Kartoffeln zu schälen.
"Komm schon, Pierre, Peter ist gar nicht so verkehrt. Etwas schüchtern aber..."
"Aber so überhaupt nicht mein Typ! Und die Entscheidung mit wem ich zusammen kommen möchte treffe immer noch ich."
Wütend stapfte er ins Wohnzimmer zurück, um sich auf die Couch fallen zu lassen.
Der Rest des Abends ist schnell erzählt. Mehr schlecht als recht hatten wir uns ein Mahl zusammen gekocht, welches wir mehr oder minder schweigend zu uns nahmen. Das Essen selbst war so schlecht gekocht, dass die Hälfte davon unangetastet im Müll landete.
Bei der Verabschiedung meinte Peter zu mir, dass er mir für die Chance dankte, aber er hätte nun im Laufe des Abends gemerkt, dass Pierre nichts weiter als ein arrogantes Arschloch wäre. Mit so einem wollte er nicht zusammen sein. Aber es wäre klasse gewesen, wie ich es versucht hätte.
Wütend ballerte ich die Tür hinter ihm zu. Schön, dass ER nun Bescheid wusste, dass er Pierre nicht wollte. Dafür hatte ICH jetzt Streit am Hals wegen ihm.
Ich sollte mich echt nicht mehr in das Leben anderer Menschen einmischen.
Die anderen WG-Genossen hatten sich in ihre Räume zurück gezogen. Nur ich hockte schließlich im Wohnzimmer auf dem Boden. Das Glas mit Asti in meiner Hand wollte nicht so recht schmecken.
Plötzlich wurde mir ein Kissen seitlich ins Gesicht geworfen. Erstaunt blickte ich zur Tür und sah Pierre dort stehen.
"Ach weißt du Hazel," begann er "eigentlich bist du eine dumme Kuh und ich sollte kein Wort mehr für heute mit dir reden."
Er kam auf mich zu und sezte sich neben mich auf dem Boden. "Aber das ist mir dann doch zu blöd. Du bist einfach du und dafür mag ich dich zu sehr. Lass es uns einfach vergessen, ok?"
"Ok." flüsterte ich. "Es tut mir leid."
Er winkte mit der Hand ab. "Reich mir lieber ein Glas rüber. Der Asti ist ja schon zur Hälfte leer. Du verkappte Säuferin."

Ich habe aus dieser Situation etwas elementares gelernt: manchmal ist es doch gut, Versprechen besser nicht zu halten. Und Freunde von Kindesbein an sollten immer zusammen halten.

Donnerstag, 1. Dezember 2011

17. Folge - Auf ein Neues

Tja, was sollte ich noch anderes sagen? Ich stand hier, mitten auf einer Bühne, irgendwo in einer fremden Stadt und war für eine Geschichte nominiert worden, die ich nicht geschrieben hatte.
Dem Bürgermeister war dies mehr als extrem peinlich und zupfte nervös an seiner Krawatte. Ich hatte mich, mit meinem bezauberndsten Lächeln zu dem ich in dieser Situation in der Lage war, beim Publikum für das tolle Hochgefühl bedankt und war von der Bühne spaziert. Betont langsam, mit aufrechtem Kopf und war in die Damentoilette verschwunden. Hier heulte ich mir erstmal die ganze Enttäuschung aus dem Leib und wischte mir wutentbrannt die Schminke aus dem Gesicht. Was hatte ich mir auch eingebildet?!
Irgendwann hatte mich Eve gefunden. Nachdem sie mich tröstend in den Arm genommen hatte und versicherte, dass draußen keine Leute mehr rumliefen machten wir uns auf den Weg ins Hotel, wo wir unterwegs noch auf Pierre und Mike stießen. Pierre übernahm das Trösten und hielt mich fest in seinen Armen wo ich mich geborgen fühlte und auch wieder ruhiger wurde.
Mike schlug vor, dass wir direkt fahren sollten. In diesem Kaff könne man sich eh nicht sinnvoll besaufen. Ich stimmte dem zu und so waren wir innerhalb von einer halben Stunde schon wieder bei Ducky und fuhren Richtung Heimat.
Ein Teilnahmezertifikat hatte ich nicht erhalten. Und auch keinen Gutschein.
Und obwohl dies alles sehr deprimierend sein sollte fühlte ich mich doch irgendwie erleichtert. Bei genauerer Betrachtung hatte ich mich sogar sehr schnell damit abgefunden. Nach der ersten Stunde Autofahrt ging es mir wieder besser und ich bekam Hunger. Pierre überreichte mir das Leberwurstbrot, als wir an einer Raststelle Pause machten.
"Mach dir nichts drauß, Liebes." meinte er. "Wir glauben trotzdem an dich."
"Ach weißt du Pierre, eigentlich ist das gar nicht mal so schlimm." versicherte ich und biss herzhaft in mein Leberwurstbrötchen. "Immerhin weiß ich jetzt was ich will."
"Ach ja?" Pierre zog die Augenbraue hoch. "Und was willst du?"
Ich grinste. "Hast du gesehen was das für Nebenbuhler waren? Alles alte Leute die sich ihr Geld damit verdienen, indem sie sich von Wettbewerb zu Wettbewerb mit ihren Kurzgeschichten durchschlagen. Ich möchte nicht so enden. Ich will hochklassige Literatur schreiben. Geschichten, die auch tatsächlich gelesen werden und nicht in der unqualifizierten Schublade eines Kaff-Bürgermeisters landen und nie wieder hervor kommen. Ich will Bestseller schreiben."
Ich beobachtete Mike und Eve, die sich etwas abseits von uns auf die Bank gesetzt hatten.
"Ich werde über das Leben schreiben. Über unser chaotisches, schönes Leben. Die vierköpfige WG die es in dieser Form wahrscheinlich kein zweites Mal gibt. Das was in den letzten Wochen alles passiert ist sollte sich doch zu einem guten Buch ausarbeiten lassen. Was meinst du dazu?"
Pierre grinste: "Ich finde es ist eine sehr gute Idee, Hazel-Schatzi. Und damit das Ganze noch einen sexuellen-romantischen Touch bekommt ..." er deutete mit einer Kopfbewegung in Richtung Bank. "solltest du Eve mal fragen, wen ich heute morgen bei ihr im Bett gefunden habe."
Doch das brauchte ich nicht. Eves Augen sagten alles.


ENDE

Freitag, 25. November 2011

16. Folge Hazel Eyes – Die Verleihung Teil 2

Der Saal war randvoll. Als ich auf der Bühne vor dem roten Vorhang rechts neben dem Rednerpult auf meinem Stuhl saß und mit halben Ohr den Ausführungen und Lobreden des Bürgermeisters folgte wanderte mein Blick durch die einzelnen Reihen auf der Suche nach meinen Freunden. Und tatsächlich sah ich die drei mitten unter den Zuschauern wie sie mir verheißungsvoll die gedrückten Daumen entgegen hielten. Ich wagte es sogar einmal ganz kurz zu winken, so mit zwei Fingern, ganz kurz über den Schoß bevor meine Hände wieder zu Fäusten geballt auf meinem Schoß zur Ruhe gezwungen wurden. Mir war abwechselnd heiß und kalt.

Und nach einer scheinbar endlos langen Rede verkündete der Bürgermeister mit stolzer Stimme "Und nun kommen wir zur Siegerehrung. Der dritte Platz geht an. ..."
Ich hielt die Luft an. Bitte lass mich wenigstens den dritten Platz gewonnen haben. Dann hätte sich die Fahrt hierher für mich auf jeden Fall gelohnt! Feierlich öffnete der Bürgermeister einen Umschlag. Machte eine große Kunstpause.
"Herr Meier! Herzlichen Glückwunsch!"
Der dicke Mitbewerber neben mir löste sich unter ätzenden Geräuschen von seinem Stuhl, nahm dankbar die entgegen gestreckte Hand und den Umschlag mit dem Preis für den dritten Platz entgegen. Ein Gutschein für zwei Personen im hiesigen Restaurant. Wie passend.
Die Menge applaudierte, als wenn gerade der ersten Preis vergeben worden wäre. Und ich zitterte am ganzen Körper. Wenn nicht der dritte Platz, dann vielleicht doch der zweite? Durfte ich es hoffen?
Mit einem Pausbackenlächeln nahm der Bürgermeister den zweiten Umschlag entgegen. Irgendwer im Hintergrund machte einen Scherz woraufhin er in der Aktion anhielt und kurz lachte. Macht es doch nicht so spannend! Mit meinen Fingernägeln bohrte ich bereits Löcher in meine Handfläche.
"Der zweite Preis geht an ..." Kunstpause. Unerträglich. "Frau Knigge."
Eine Frau mit langen weißen Haaren schien vom Stuhl zu schweben und sah mit einem freundlichen Lächeln in die Runde und nahm dankbar den Preis entgegen.
Aus unserer Reihe vernahm ich die andere Frau, die sich selbstsicher in ihrem Stuhl hin und her rutschte und selbstzufrieden in die Runde schaute. Sie war der festen Überzeugung, dass sie gewonnen hatte.
"Kommen wir nun zu unserem absoluten Sieger. Jemand der es verdient hat die Sputendorfer-Trophäe mit Stolz und Ehre zu empfangen. Mal schauen, wer der Sieger ... oder die Siegerin ist."
Es war auf einmal so still im Raum. Nur das Rascheln des Briefes mit dem Sieger konnte man hören.
"Und die Siegerin ist ..." ich sah die Dame vom Stuhl aufstehen. "Sarah Hennington!"
Ich bemerkte, wie meine Freunde aufsprangen und sich jubelnd in die Arme fielen.
Ich bemerkte, wie die Frau sich wieder auf den Stuhl plumpsen ließ.
Ich bemerkte, dass alle Augen auf mich gerichtet waren.
Und alle im Raum applaudierten.
Ich hatte es geschafft! Ich hatte es tatsächlich geschafft!
Mit wackeligen Beinen stand ich auf. Die anderen Schriftsteller begannen mich freundschaftlich zu umarmen oder mir anerkennend auf die Schulter zu klopfen. Der Bürgermeister streckte mir die Hand entgegen und gratulierte mir. Ich zitterte am ganzen Körper, wusste nichts zu sagen. Konnte nur zurück nicken.
Und dann kam die junge Dame von vorhin mit der Trophäe in der Hand auf mich zu, drückte dem Bürgermeister die goldene Feder in die Hand. Und dieser schließlich das gute Stück in meine Hände.
Ich war einfach nur erschrocken. Fasziniert. Glücklich. Stolz. Alles gleichzeitig und durcheinander. Ich hatte es tatsächlich geschafft. Der erste riesige Schritt.Ich konnte tatsächlich schreiben. Und es gab Leute, die es gut fanden und die es zu schätzen wussten.
"Hazel! Hazel! Hazel!" riefen meine Freunde im Chor und Mike pfiff immer wieder laut dazwischen und steckten damit alle im Ratssaal an. Es wurde geklatscht und gejubelt. Und ich war den Tränen nahe.
Schließlich beruhigte der Bürgermeister mit einer besänftigenden Geste die Menge und verkündete, dass ich nun die Siegergeschichte vorlesen würde.
Die junge Dame legte mir einen Computerauszug auf das Rednerpult und schob mich sanft davor. Vor lauter Aufregung hatte ich sogar meine Nervosität vor dem Vorlesen vergessen.
"Ich ... ich weiß gar nicht was ich sagen soll." stammelte ich unprofessionell in das Mikrophon. "Ich bin im Moment einfach nur glücklich. Vielen Dank an alle, die sich für meine Geschichte entschieden haben. Und danke an alle meine Freunde, die an mich geglaubt haben und dort hinten so lauthals jubeln."
"Hazel du bist die Größte!" kreischte Eve wie eine aufgebrachte pubertierende 14-jährige. Pierre wischte sich theatralisch mit einem Taschentuch die Augenwinkel trocken.
Der Bürgermeister trat an das Pult heran und sprach in das Mikro. "Ja ich sehe schon: so jung und doch schon so einen großen Fankreis, das kann nicht jeder von sich behaupten. Aber Sie haben es sich verdient, denn ich kann nur bestätigen was die Jury entschieden hat: Ihre Geschichte war mit Abstand die beste und Sie haben es sich verdient Frau Hennington. Und nun lassen Sie auch all die anderen an Ihren wunderbaren Geschichten teilhaben."
Ich grinste über beide Ohren und merkte wie ich rot wie eine Tomate anlief. Nervös schlug ich das Script vor mir auf. Ja ich wollte meine Geschichten erzählen. Ich wollte, dass sie jeder hört und hier hatte ich nun meine Chance. Ich hatte mich bewiesen.

Und so fing ich an:

"Es gibt im Prinzip nur zwei Arten von Menschen: die, die es zu etwas bringen und jene , die sich den Erfolg anderer unverdient zu eigen machen.  ..."

Ich stockte. Und schwieg. Mein Lächeln verschwand. Ich blickte auf diese ersten Zeilen, überflog die nachfolgenden Absätze und konnte nicht mehr weiter sprechen. Vor mir hörte ich Pierre leise rufen "Hazel?"
Der Bürgermeister witzelte über meine Nervosität und ermunterte mich weiter zu machen.
"Ich kann leider nicht." flüsterte ich. Ich spürte die Blicke aller auf mir. In mir stürzte alles zusammen.
"Natürlich können Sie. Sie müssen sich nur zusammen reißen aber wenn es gar nicht geht kann ich auch vorlesen."
"Nein Herr Bürgermeister das wäre nicht richtig." murmelte ich. Mit zitternder Stimme sprach ich in das Mikro.
"Denn das hier ist nicht meine Geschichte."

Sonntag, 20. November 2011

15. Folge - Die Verleihung

Als ich am nächsten Morgen aufwachte wusste ich zunächst nicht wo ich war. War total orientierungslos. Nachdem mir aber wieder bewusst wurde, wo ich war und warum ging direkt das Herzklopfen los. Die Verleihung! Ich sah auf die Hoteluhr am Kopfende des Bettes. Noch vier Stunden. Ich musste mich vorbereiten.
Beherzt sprang ich aus dem Bett, schnappte mir aus meiner Sporttasche meine Badutensilien und duschte in aller Eile. Als ich aus dem Bad kam klopfte es an meiner Zimmertür. Es war Eve, die mich zum Frühstück abholen wollte. Im Gastronomiebereich des Hotels angekommen warteten schon Pierre und Mike auf uns. Beide schlugen sich die Bäuche voll am freien Büffet mit Brötchen, Wurst und Spiegelei. Eve besorgte sich ein gesundes Müsli und ich nippte an einem Pfefferminztee. Ich war viel zu aufgeregt um etwas zu essen. Mein Magen machte das in Stressitutationen nie mit. Und im Moment befand ich mich unter 1.000 Volt. Vielleicht sogar mehr! Pierre, mein Weggefährte seit Kindheitstagen, sah mich nur von der Seite an, rollte mit den Augen, nahm ein Brötchen und schmierte ein Leberwurstbrot, das er dezent in einer kleinen Plastiktüte verschwinden ließ. Er war ja so rührend.
Nach dem kurzen Frühstück lief ich schnell mit Eve auf mein Zimmer um mich vorzubereiten. Und hier ereilte mich wieder einmal eine typische Frauen-Krise: ich fand plötzlich das, was ich zum anziehen dabei hatte nicht mehr passend. Zuhause hatten Eve und ich lange überlegt, womit ich meinen kleinen zierlichen Körper zieren könnte. Was zum Teufel zieht man denn als Schriftsteller auf einer Verleihung eines Preises in einem Kaff wie Sputendorf überhaupt an? Auf der einen Seite wollte ich nicht aussehen wie ein Spießer bei einem Vorstellungsgespräch im Maritim Hotel. Auf der anderen Seite könnte zu bunt auch wieder zu abgedreht aussehen. Allerdings war ich doch Schriftstellerin. Und Schriftsteller sind doch als exzentrische Individuen verschrien. Die müssen in kein Schema passen.
Ach menno.
Plötzlich fand ich mich in meiner schwarzen Strumpfhose, dem dunkel-lila Rock und dem schwarzen Polo-Shirt unwohl. Doch Eve machte mir Mut. "Du wirst super aussehen, Hazel. Mit ein wenig Schminke wirst du dich gleich viel besser fühlen." Und so gab ich mich in die Hände meiner Freundin und siehe da: ich fühlte mich tatsächlich besser.
Eve verabschiedete sich schließlich. Sie musste sich ja selbst noch fertig machen, ich allerdings musste schon zur "Probe" ins Rathaus, wo die Verleihung statt finden würde. Pierre begleitete mich bis vor die Tür. Dann drückte er mich noch mal herzlich und wünschte mir alles Gute. "Wir sehen uns dann im Ratssaal. Und du packst das! Glaub an dich!"
So bestärkt verschwand ich durch die Tür, das Herz bis zu den Schläffen pochend.

Vor dem Ratssaal traf ich auf andere potentielle Sieger. Ich zählte mit mir insgesamt fünf Personen. Also schienen alle Teilnehmer anwesend zu sein. Was mir direkt auffiel: ich war die absolut jüngste. Und das bei weitem. Die anderen Personen, zwei Männer und zwei Frauen, schienen irgendetwas um die sechszig zu sein. Und je länger ich mir die Gesichter ansah desto sicherer war ich mir, dass ich diese Personen schon auf irgendwelchen Buchrücken gesehen hatte. Professionelle Kurzgeschichtenschreiber und Kinderbuchschriftsteller. Na super. Meine Zuversicht sank direkt vier Etagen tiefer. Es schien mir absolut unfassbar, dass ich kleiner Möchtegern-Schriftsteller überhaupt irgendetwas hier gewinnen könnte. Niemand konnte ernsthaft glauben, dass ich zwischen all den Alteingesessenen Schriftstellern überhaupt bestehen könnte. Dann fielen mir wieder meine Freunde ein, die auf mich zählten und mir immer wieder gesagt hatten, dass dabei sein auch schon super wäre. Ich war an dieser Stelle viel weiter als sonst irgendwann anders in meinem Leben als angehende Schriftstellerin. Das ich hier zwischen all den Leuten dabei sein durfte sollte mich eigentlich mit Stolz erfüllen. Den Rücken gerade stellend beschloß ich mit einem Grinsen meine Niederlage einzugestehen. Immerhin war ich mir sicher würde ich zumindest einen Gutschein oder so etwas in der Art bekommen. Ein Teilnahmezertifikat oder so. Das würde ich mir schön über mein Bett hängen.
Plötzlich trat eine junge Frau aus einer der Nebentüren hervor und bat alle Anwesenden in das Zimmer zu treten. Hier standen einige Stühle in zwei Reihen. Es schien eine Art Besprechungsraum zu sein. Nachdem sich die Dame mit einem russisch klingenden Akzent vorgestellt hatte erläuterte sie kurz das Prozedere, wie die Veranstaltung ablaufen würde. Ich war so aufgeregt, dass ich die Hälfte direkt wieder vergaß. Denn direkt vor unserer Nase, nur einige Meter von mir entfernt auf einem kleinen Glastisch stand eine Trophäe in Form einer goldenen Feder. Der Preis für den Sieger. Wie geil wäre das denn, wenn ich den doch in die Hand nehmen und meinen Freunden und Verwandten vorführen könnte.
Plötzlich riß mich die Dame aus meinen Gedanken. Gerade hatte sie verkündet, dass der Sieger nach der Übergabe der Trophäe am Rednerpult das eigene Werk dem Publikum vorlesen würde.
Jetzt wurde mir wieder schlecht. Reden vor Publikum? Das konnte ich ja mal so gar nicht. Dafür war ich doch viel zu schüchtern. Ich würde im Boden versinken. Zum Glück würde der Preis einer von den alten Herren hier abräumen. Obwohl ich den Preis schon gern gehabt hätte.
Man ging mir dieses Auf und Ab der Gefühle auf den Keks. Ich würde wahrscheinlich gleich in meinem Stuhl in Ohnmacht fallen.

"So meine werten Damen und Herren." verkündete die junge Dame. "Dann wollen wir mal. Das Publikum wartet. Möge der Bessere gewinnen."

Samstag, 12. November 2011

14. Folge - Auf großer Fahrt


"Berlin! Berlin! Wir fahren nach Berlin!" gröllte Eve gegen den Verkehrslärm der A9 an. Pierre und Mike verarzteten unsere gelbe Ente. Ducky. Das arme Ding hatte bei dem Dauerbleifuß von Mike irgendwo das vordere linke Rädchen verloren. Und ich rannte mit der orangenen Sicherheitsweste hinter der Leitplanke hin und her und fühlte mich wie ein Heinzelmännchen. Warum auch immer. Ein Heinzelmännchen das nervös Kreise in den kargen Grünstreifen lief.
"Man Eve. Sputendorf!" maulte Pierre. "Sputendorf, nicht Berlin. Und solange wir das hier nicht hin kriegen fahren wir nirgendwo hin."
"Ach den Namen kann ich mir eh nicht merken." Eve strich sich eine Strähne aus dem Gesicht. "Das komische Kaff kennt eh keiner und besonders motivierend darauf singen kann man auch nicht. Nene ich bleib bei Berlin. Ist ja da in der Nähe. Und außerdem..." sie fing mich in meinem Kreiselwahn ab "Außerdem werden wir schon nach .. dings ... kommen. Schließlich ist das Hazels großer Durchbruch als Schriftstellerin! Sie ist berühmt! Und wir werden dabei sein!"
"Na ja" dämpfe ich Eves Entusiasmus "Eigentlich bin ich eingeladen, an der Siegerehrung zu Sputendorfs Federpreis teilzunehmen als eine der fünf Finalisten. Ich weiß doch noch gar nicht, ob ich tatsächlich gewonnen habe."
Mein Blick fiel traurig auf die kleine Ente. "Und dass Ducky nach so vielen Jahren ausgerechnet bei unserer Fahrt zu meinem Debüt so rummuckt macht mich schon irgendwie nachdenklich."
"Ach quatsch. Ducky freut sich genauso wie wir, glaub mir." Zärtlich legte Eve die Hand auf die Karrosse. "Sie war nur etwas übermütig das ist alles. Und natürlich hast du gewonnen! Denk doch nicht daran, dass es nicht so sein könnte. Das bringt Unglück."
"Ach das wird schon Hazel." bestätigte auch Mike, der gerade mit pechschwarzen Händen den Ersatzreifen anbrachte. Und über den Rücken meinte Mike zu Eve: "Und das deine Mutter uns den Wagen überlassen hat ist cool. Ich bin noch nie Ente gefahren."
"Wer sagt denn, dass meine Mutter uns die Ente überlassen hat?"
Alle blickten Eve an. Dann blickten Pierre, Mike und ich uns an. Schließlich begann ich noch nervöser Kreise zu drehen. Hoffentlich hatten wir jetzt nicht Ducky auf dem Gewissen und hoffentlich konnten wir Ducky heile Eves Mutter zurück bringen. Ducky war Eves Mum's absolutes Heiligtum!
Und hoffentlich würden wir es noch rechtzeitig nach Sputendorf schaffen.
Warum konnte nicht einfach einmal irgendwas in meinem Leben einfach nur funktionieren? Wieso geriet ich immer in Schwierigkeiten? Ich betrachtete den Himmel. Es begann schon leicht zu dämmern. Am nächsten Morgen würde die Verleihung sein. Und wir hatten noch mindestens fünf Stunden Fahrt vor uns. Mit Ducky wohl eher sieben.
Würden wir es noch rechtzeitig zu der Verleihung schaffen?

Erstaunlicher Weise schafften wir es tatsächlich. Ducky muckte nicht mehr um, nachdem Mike und Pierre den Reifen gewechselt hatten und Eve mit "Berlin! Berlin! Wir fahren nach Berlin!" unsere Weiterfahrt musikalisch begleitete.
Irgendwann (es war bereits mitten in der Nacht und Eve sabberte mir auf der Rücksitzbank auf meine Schulter) leuchtete irgendwo aus der Schwärze heraus ein gelbes Ortsschild auf und hieß uns mit einem Herzlichen "Willkommen" in Sputendorf ... nun ja eben willkommen. Sputendorf selbst bestand scheinbar aus einer einzigen Hauptstraße, einem Rathaus und einem Tagungshotel. Und das Hotel war das Ziel. Nachdem wir den bereits schlafenden Hotelangestellten hinter dem Tresen wachgeklingelt und Eve mit bezaubernden Augenaufschlag unsere Zimmer klar gemacht hatte ließ ich mich erschöpft und erleichtert auf das Bett fallen. Meine Freunde hatten sich eigene Zimmer bestellt, da für mich als Finalistin und Teilnehmerin des Schreibwettbewerbs bereits ein Zimmer in diesem Hotel reserviert war. Da aber die Gäste in diesem Hotel eher rar waren hatten alle drei ein eigenes Zimmer mit Doppelbett erhalten. Also reichlich Platz zum ausschlafen.
Und obwohl ich wusste, dass ich für die Verleihung am nächsten Tag fit sein musste starrte ich, eingemummelt in meine Bettdecke und auf einer quietschenden Matratze liegend, Löcher in die Decke. Ich hatte es geschafft! Ich war tatsächlich hier. Und wenn alles gut gehen würde, könnte dieser Wettbewerb das Sprungbrett zu meiner schriftstellerischen Karriere sein. Man war ich aufgeregt. Was jedoch, wenn ich nicht gewinnen würde? Meine Freunde rechneten fest damit, dass ich gewinnen würde. Sie wären sehr enttäuscht.
Aber so nah, wie an diesem Abend war ich noch nie an einem Preis gewesen. Das musste einfach ein gutes Zeichen sein.
Ich würde auf jeden Fall gewinnen.
Oder doch nicht?

Samstag, 29. Oktober 2011

13. Folge - Der Brief

Es war ein wunderschöner Samstag morgen. Entgegen unserer Gewohnheiten hatte niemand aus unserer WG-Gemeinschaft die Nacht durchgefeiert. Ich genoss an unserem Küchentisch einen starken Kaffee, während eine warme Herbstsonne durch das Küchenfenster schien und die goldenen Strahlen auf die Zeitung vor mir niederlegte.
Eve, die bekanntermaßen zu den redefaulen am Morgen gehörte, saß mit Lockenwickler in den Haaren neben mir, ein riesiges rosa T-Shirt mit Mini Mouse als Schlafanzug. Eine Tasse Grüner Tee sollte ihre Lebensgeister wecken. Pierre toastete derweil einige Toasts und briet Spiegeleier.
Nur Mike war nicht da. Er hatte wieder, so vermutete ich, auswärts geschlafen. Zumindest war er am Tag vorher von Eve gesichtet worden, wie er die Blonde von der Tankstelle am umgarnen war. Und in seinem Bett lag niemand. Auch nicht er selbst, also ...
Doch das war mir herrlich egal. Ich genoss die Ruhe, die in diesem Augenblick in unserer WG herrschte. Es war richtig idyllisch und einer der seltenen Momente, in denen es mal nicht drunter und drüber ging. Ich fand, wir hatten uns das redlich verdient. Bei den Ereignissen die wir in den letzten Wochen über uns ergehen lassen mussten.
Ich durchstöberte die Zeitung nach Material, welches ich für meine Buchrecherchen oder Ideenfindungen verwenden konnte. Doch die Zeitung gab außer den Großaufmachungen bzgl. Den bevorstehenden Wahlen nicht viel anderes her als lächelnde Politiker die sabbernde Babys in den Armen von sich hielten.
Ich bemerkte über den Zeitungrand, dass Eve mich mit finsteren Blick ansah.
"Ja? Eve?"
Eve schnaufte lautstark "Sag mal, Hazel... musst du eigentlich die Zeitung immer so laut umblättern?"
Ich schmunzelte. Das war eines der Morgenrituale, wenn Eve langsam aufwachte. Sie begann über Nichtigkeiten zu meckern.
"Und überhaupt" murrte sie weiter "kann ich nicht verstehen, warum du noch diese Papierversion von Zeitung verwendest. Es gibt doch heutzutage Internet und Smartphones. Da kannst du dir die Zeitung kostenlos ansehen. Wozu der Scheiß?"
"Der Scheiß" beantwortete ich Eves Frage geduldig "flimmert mir erstens nicht so stark in den Augen. Durch meine tägliche Arbeit am PC ist das manchmal ganz angenehm mal keinen Bildschirm anzustarren. Und zweitens ist es ein ganz anders Lesegefühl. Im Internet ist alles nur auf irgendwelche Schlagzeilen begrenzt, alle anderen Infos erhälst du nur mit Querverweisen. Du musst elendig überall rumklicken und verlierst irgendwann die Lust, weil laufend irgendwelche Pop-up Fenster dir die Sicht blockieren."
Dramatisch blätterte ich die Seite meiner Zeitung um. Der Sportteil. "In einer Zeitung bekommst du alle notwendigen Infomationen ohne Querverweise. Sie präsentieren dir die Infos so wie sie sein müssen. Ohne großen Schnick schnack. Und solange es noch Papierzeitungen gibt, werde ich diese Form der Morgenlektüre bevorzugen."
Eve verdrehte die Augen. "Sowas von Oldschool."
Pierre schob seinen Stuhl an den Tisch und saß mir direkt gegenüber. "Ey Alta, die klaust mir die Sonne!" maulte ich in meinem besten Ghettoslang.
"Das tangiert mich nur peripher." antworte Pierre unbeeindruckt und nahm einen kräftigen Bissen von seinem Spiegeleitoast.
In diesem Moment hörten wir alle den Schlüssel im Haustürschloss. Perfekt gestylt wie immer betrat Mike die Wohnung. In seiner Hand hatte er ein Stapel Briefe.
"Morgen!" verkündete er gut gelaunt.
"Morgen Mike!" säuselten Pierre und ich im Chor.
"Hmm." grubbelte Eve.
Ich stand auf und schenkte in eine Tasse Kaffee ein. Mikes Lieblingstasse mit der Aufschrift "Godlike – god is like me!" Mike nahm die Tasse entgegen, nahm einen kräftigen Schluck und verteilte anschließend die Post.
"Für Pierre die neue Vouge... Eve ... nichts. Meinerselbst ... ach der Herr Meier vom Familiengericht. Mal schauen wen ich nun wieder geschwängert haben soll ... und ... Hazel. DAS ist für dich."
Er schob mir einen riesigen Stapel Briefe zu. Ich kannte diese Art von Stapel. Absagen. Zu Romanen, Wettbewerben und Stipendien.
Nun war Eve wach. "So Hazel, es ist wieder soweit. Ich öffne dann mal deine Briefe."
Jaja, sollte sie nur machen. Sie hatte vor einigen Jahren beim Pokerspielen das Recht erworben, mir als aller erstes mitteilen zu dürfen, wenn ich mal erfolgreich einen Roman an den Verleger oder bei einem Wettbewerb gewonnen hätte. Also durfte sie auch meine Post öffnen ... zumindest die, die nicht nach Rechnung und Familie aussahen.
"So erster Brief .... Absage." verkündete Eve. Ich wandte mich an Mike, sicher, dass in den nächsten zwanzig Briefen auch nichts anderes stehen würde.
"Und wie war deine letzte Nacht? Hast du gut geschlafen?"
"Sehr gut sogar." grinste Mike. "Ihr kennt doch die süße kleine Blonde von der Tankstelle,oder?"
"Brief Nr. 4 .. Absage." murmelte Eve.
Pierre biss gelangweilt in seinen Toast. "Du meinst die kleine Behinderte, die immer am schielen ist und man nie weiß, ob sie einen selbst oder wen anderes anspricht?"
"Ja genau die." bestätigte Mike. "Jedenfalls hat die eine kleine Schwester. Und die habe ich gestern kennen gelernt. Ganz anders als die Blonde."
"Absage Nr. Zehn."
" Ich sag dazu jedenfalls nur soviel: das mit den PS und den Rothaarigen stimmt total."
Typisch Mike.
"Hazel..." murmelte Eve. Pierre überhörte sie. "Sag mal Liebchen, wann gehen wir eigentlich mal wieder shoppen? Mein Kleiderschrank ödet mich wieder so an."
"Wir waren doch erst letzte Woche wieder unterwegs!" erinnerte ich meine schwulen Freund. "Ich weiß nicht wie du das hinkriegst aber ich habe keine Kohle."
"Hazel ..."
"Ach es gibt doch Dispo. Wozu also genau auf das Geld schauen?" meinte Mike.
"Was man nicht hat, kann man auch nicht ausgeben." erwiderte ich. Nichts ging mir mehr zuwider als Schulden.
"Hazel ..."
"Oh man Eve was willst du denn von Sarah? Rück endlich damit raus!"
Alle drei starten wir Eve an, die einen Brief in der Hand hielt. Mit großen Lettern stand dort "Herzlichen Glückwunsch!"
"Hazel ... du hast es geschafft!" jubelte Eve. "Du hast es tatsächlich geschaft! Du fährst nach Berlin zur Siegerehrung!"


Mittwoch, 7. September 2011

11. Folge - Das Leid eines Schriftstellers



Ich erinnerte mich wieder an das Versprechen, dass ich Peter gegeben hatte. Peter, als er neben mir am besagten Morgen im Bett lag und ich in ihm nichts weiter als einen riesigen dicken Kerl sah, mit dem ich wohl geschlafen hatte.
Er war schwul.
Ich hatte also nicht mit ihm geschlafen.
Ein Glück.
Aber er wollte, dass ich ihn mit Pierre zusammen bringe.
Das war ein Problem.
Nachdem ich wieder zurück in unserer WG war, war ich froh Pierre nicht über den Weg zu laufen. Ich zermarterte mir die ganze Zeit mein Gehirn darüber, ob ich tatsächlich in Pierres Schicksal eingreifen sollte oder nicht. Auf der einen Seite hatte ich mein Versprechen gegeben. Zwar im Suff, das konnte man bestimmt als "unzurechnungsfähig" anrechnen. Aber wenn es eines gibt was ich definitiv für unumstößlich halte dann ist es die Tatsache, dass man ein Versprechen halten soll welches man gegeben hat.
Ich hatte mit Peter noch einmal gesprochen und ihm klar gemacht, dass ich ein Treffen arrangieren würde. Ein einziges. Und entweder es würde dann funken, oder das Vorhaben war gescheitert. Denn Pierre war mein bester Freund. Mein Leidensgenosse in meinem Leben. Meine Stütze. Wir gingen durch dick und dünn. Das alles wollte ich nicht für einen nahezu fremden Menschen auf's Spiel setzen. Peter hatte daraufhin mich mit festen Augen angesehen und gesagt:
"Genau den Spruch hast du auch neulich Abends gebracht. Und ich hatte mich damit einverstanden erklärt. Du musst es nicht noch mal wiederholen. Aber ich brauche nur diese eine Chance!"
Dieser Blick ließ mich nicht mehr los. Auch als ich bei mir auf dem Bett lag und Löcher in die Luft starrte. Ich versuchte mir vorzustellen, wie Pierre und Peter miteinander umgehen würden. Pierre war ein froher, lebenslustiger Mensch. Überhaupt nicht schüchtern. Freche Klappe. Genau das Gegenteil von Peter. Würde das Sprichwort "Gegensätze ziehen sich an?" Bestand haben? Oder muss es eher heißen "Gleich und gleich gesellt sich gern?"
Auch versuchte ich mich an die früheren Beziehungen von Pierre zu erinnern, aber rückblickend betrachtet war da nie jemand gewesen, mit dem Pierre eine "Beziehung" hatte, so wie Peter es sich vorstellte. Er war eher der Künstler, der Freigeist, der seine "Muße" irgendwo in sexuellen Kurzbeziehungen fand, oder beim Shopping. Zumindest glaubte ich das.
Mir wurde eines klar: ich kannte Pierre im Endeffekt doch nicht so gut, wie ich es von mir immer behauptet hatte.
Konnte ich dann überhaupt beurteilen, ob Peter der Richtige war?
Hatte ich überhaupt ein Anrecht darauf, mich einzumischen?
Irgendwie entwickelte sich mein Leben in eine komische Richtung. Alle kamen mit ihren Liebesproblemen zu mir. Vielleicht sollte ich bei der Bravo als Dr. Sommer arbeiten. Aber eigentlich wollte ich nur eines: meine Ruhe. Und warum bekam ich die nicht? Weil ich immer und überall meine Verprechen abgebe von denen ich mir selbst den Anspruch hoch halte, sie immer einzuhalten.
Warum kann ich kein Arschloch sein und einfach mal "Nein" sagen?
Ich atmete tief aus. Das viele Grübeln brachte mich überhaupt nicht weiter. Es hielt mich nur auf. Aus den Augenwinkel sah ich zu meinem Schreibtisch. Dort stand mein Laptop. Ich hatte seit Tagen nichts mehr geschrieben, jedenfalls nicht an meinem aktuellen Manuskript. Ständig war ich abgelenkt. Von der Arbeit, dem Studium und dann auch noch den ganzen Beziehungproblemen anderer. Ich muss definitiv irgendetwas ändern in naher Zukunft. Sonst habe ich jeden in meiner näheren Umgebung glücklich gemacht nur ich schau dumm aus der Wäsche. Ein Buch zu veröffentlichen bei einem großen Verlag kann von der Einsendung an bis zu drei Jahre dauern. Ich habe eigentlich keine Lust, die Jahre des Schreibens unnötig in die Länge zu ziehen und damit die Veröffentlichung noch weiter hinaus zu zögern.
Also schnell dieses Problem aus der Welt räumen.
Aber wie anstellen?
Peter musste eine Gelegenheit haben, bei der er mit Pierre alleine reden konnte. Aber es durfte auch nichts sein, wo Pierre sich dabei langweilte. Beide auf einer Party bekannt zu machen brachte überhaupt nichts. Dafür war Peter zu schüchtern. Und Pierre viel zu quirrelig. Der würde die ganze Zeit zu jeden einzelnen hin rennen und irgendwelche Storys zum Besten geben. Er würde wahrscheinlich noch nicht einmal mitkriegen, wenn Peter ihn anspräche.
Aber sie beide einfach in ein Café setzen wäre genauso aussichtslos.
Ich schlenderte in die Küche und öffnete, wieder einmal, den Kühlschrank und betrachtete unseren alkoholischen Vorrat. Und – oh Wunder! - da war noch ein wenig Sekt übrig. Als ich mir den Sekt allerdings in ein Glas kippte merkte ich schon, dass die Kohlensäure fast vollständig entschwunden war.
Hauptsache der Alkoholpegel stimmte.
Es gibt das Gerücht, dass Schriftsteller sich oft für die Ideenfindung am Alkohol orientieren würden. Nun das stimmt nur zum Teil. Jeder Schriftsteller benötigt eine gewisse Routine, ein Ritual an dem er sich festhält und das dem Gehirn anzeigt "Achtung! Wir fangen jetzt an!" und die ensprechenden Denkanstöße aktiviert. Alkohol in geringen Maßen entspannt nunmal und einige bekannte Schriftsteller haben bestimmt in ihrem Ritual Abends ein Gläschen Wein integriert. Das ist aber das selbe, als wenn ein Arbeiter Abends nach Hause kommt und sein Feierabendbierchen zischt. Und von dem wird ja auch nicht behauptet, er würde zu tief ins Glas schauen. Kein Schriftsteller der es jedoch ernst mit dem Schreiben meint würde sich vor dem Schreiben excessiv zusaufen, dafür zerstört Alkohol zu viele Synapsen im Hirn und die gequirrlte Scheiße die man im Suff schreibt entspricht oft genau dem Wortbild, dem man ach sprachlich zum Ausdruck bringt. Es ist einfach nur Müll, was dabei produziert wird. Unlesbar. Unverwendbar.
Und während ich mich in der Küche umsah und an meinem Glas nippte kam mir plötzlich eine obskure Idee ...

Dienstag, 23. August 2011

10. Folge: Ein Walross und der Schmerz

Unruhig sah ich auf die digitale Anzeige meines Handys. Obwohl ich gehofft hatte, dass dieser besagte Donnerstag nie kommen würde war er doch mit stetigen Schritten, langsam und zähkriechend auf mich zu gekommen. Heute war es soweit: ich traf mich mit Moby Dick. Weil Eve, die blöde Kuh, mich zu diesem Date verdonnert hatte. Da hatte sie einfach nach dem Besuch in der Disko drauf los geredet und diesem Peter einfach an meiner Stelle das OK für ein Treffen gegeben.
Ich erinnerte mich an das Gespräch zurück, nachdem ich mich in der Gosse übergeben hatte bei dem Gedanken, dass ich tatsächlich etwas mit diesem Mann getan hatte, wovon er so begeistert war, dass er es nochmal mit mir tun wollte. Es war ein nicht sehr konstruktives Gespräch, denn ich war mit einem Mal stocknüchtern gewesen und blaffte Eve an. Sie war dagegen besoffener denn je und kicherte nur den ganzen Abend und lallte so Lieder wie

"Hazel und die Schnecke, sitzen in der Ecke, knutschen wild herum und das Walross das bleibt dumm!" 

Ob dieser Text einen tieferen Sinn hatte bezweifelte ich. Eve neigte im betrunkenen Zustand dazu sinnloses Zeug so labbern oder zu singen. Erinnern konnte sie sich später nie.
Nachdem ich Eve schließlich zu unserer WG zurück gebracht und sie ins Bett verfrachtet hatte ("Nein Mama, ich bin noch gar nicht müde.") und ich das Schnarchen aus ihrem Zimmer hörte lag ich noch endlose Stunden wach. Wieso geriet ich eigentlich immer in so komische Situationen? Manchmal kam es mir vor, als wenn sich irgendso ein Vollhonk mein Leben einfach ohne Sinn und Verstand aus den Fingern saugte und Ereignisse aneinander reihte, die absolut nicht zusammen passten. Da war zum einen das Missverständniss mit Mike. Zum anderen Eves übereifrige aber fruchtlose Sehnsucht nach der wahren Liebe und meine Begegnung mit dem Walross namens Peter. Den ganze Abend zermatterte ich mir das Hirn, was mich an dieser ganzen Geschichte am meisten störte. Mal ganz davon abgesehen, dass ich eigentlich überhaupt gar keine Lust hatte mich irgendwo mit einem Typen zu treffen in dessen Speckfalten ich bestimmt drei Mal rein passte. Nein, da war etwas anderes. Und als hätte ich es vor Wochen nicht bereits geahnt, kam mir beim Durchstöbern von Alteinträgen meines Blogs die Erleuchtung. Mike hatte gesagt, dass der Typ Tom hieß. Unterschrieben und vorgestellt hatte sich das Walross nun diesen Abend allerdings mit Peter! Was zum Teufel lief hier?
Ohne auch nur ansatzweise einer Lösung näher gekommen zu sein, war letzten Endes der besagte Donnerstag eingetroffen. Ich hatte zwar mehrere Fluchtszenarien durchgespielt, unter anderem der überraschende Tod eines unbekannten Verwandten und mein eigener plötzlicher Tod. Dennoch hatte ich mich letzten Endes doch dazu durchgerungen, mich ins Café zu setzen. Peter oder Tom oder Hanskuckuck oder wie der nun hieß, war mir erstens eine Erklärung zu seinem Namen schuldig und zweitens bin ich nicht der Typ, der Kerle einfach in einem Café sitzen lässt. Dazu bin ich dann doch von meiner Mutter zu gut erzogen worden. Leider.
Ein Pfiffikus wie ich nun mal einer bin, war ich etwa zwanzig Minuten früher da als verabredet. Ich wollte mir einen passenden Tisch suchen, von dem ich notfalls aufspringen und auf den kürzesten Weg aus dem Café heraus sprinten konnte. Ich wählte einen Platz in der Mitte des Cafés. Da ich das Café aufgrund meiner Kellnertätigkeiten wie meine Westentasche kannte blieben mir im Notfall zwei Fluchtwege:

  1. der direkte Aus- bzw. Eingang des Cafés
  2. die Küche in der es ein Hintertürchen gab.

Letztere Variante gefiel mir sogar am Besten, da ich hier zur Not unseren Koch von dem ich wusste dass der ein Auge auf mich geworfen hatte im vorbeirennen "Kill ihn!" zuschreien könnte und mir sicher wäre, dass das Walross ohne Messerstiche nicht an ihm vorbei kommen würde. Gut, soweit wollte ich es garantiert nicht kommen lassen. Aber es war beruhigend zu wissen, dass es diese Möglichkeit gab.
Auf die Minute genau trat schließlich Peter/Tom/Walross durch die Tür und erblickte mich sofort. Etwas erstaunt stellte ich fest, dass er sich fein heraus gemacht hatte. Mit schwarzem Hemd und schwarzer Hose verdeckte er sämtliche Tattoos so dass er richtig manierlich aussah. Hatte er abgenommen? Ich kam mir ein wenig schäbbig in meinem gelben Top und der Jeans vor.
"Hey Sarah. Schön dass du da bist." Ich bemerkte wie seine Wangen rot wurden. Er war furchtbar aufgeregt. Leichte Schweißperlen machten sich auf seiner Stirn breit. Aber es war keine lüsterne Aufregung die ihn umgab sondern was nervöses. Irgendwie kam er mir vor, als wäre er bei einem Vorstellungsgespräch und ich wäre die böse Personalsachbearbeiterin, die über sein berufliches Schicksal entscheidet. Ich bezweifelte immer mehr, dass er tatsächlich etwas von mir wollte.
"Hey... du ... da. Wie heißt du eigentlich?"
Die Frage verwirrte ihn. "Wie bitte?"
"Ich habe gefragt wie du heißt. Bevor ich das nicht weiß brauchen wir gar nicht weiter zu reden. Neulich, als du bei mir im Bett übernachtet hattest meinte Mike, dass dein Name Tom sei. Im Brief schriebst du aber, dass du Peter heißt. Was stimmt denn nun?"
Ein schüchternes Lächeln kam auf seine Lippen. "Tja weißt du ... meine Mutter hatte mir damals einen sehr blöden Namen gegeben." Er wurde rot. "Mein voller Name lautet Tom-Peter. Das klingt aber eher nach "Trompete", weshalb ich in meiner Kindheit viel gehänselt wurde."
Ich zog in Erwägung, dass die Hänseleien vielleicht auch vom Körperbau kamen. Oder der arme Junge hatte sich aus Frust alles in der Kindheit angefressen.
"Mir ist es lieber ich werde Peter genannt. Es kommt aber vor, dass ich, wenn ich besoffen bin und nicht mehr Herr meines Mundwerkes bin, mich selbst als Tom bezeichne. Dann steht das für "The Orgasm Man"."
Ich prustete meine Cola aus der Nase. Peter reichte mir ein Taschentuch. Er war nun eine rote Ampel. "Die Bedeutung von Tom sage ich natürlich niemanden. Außer dir."
Meine Nase brannte von den Cola-Blubberbläschen. Das die Leute mir immer soviel Vertrauen entgegen brachten war schmeichelhaft, wenn auch manchmal schmerzhaft. So wie in diesem Augenblick.
"Warum ich? Warum vertraust du mir diese ... äh ... pikante Sache an?"
"Weil wir über die gemeinsame Nacht reden müssen." Sein Blick wurde ernst.
Oh mein Gott. Wenn Peter nun eine Petra gewesen wäre hätte ich mir Sorgen gemacht um eine mögliche Vaterschaft. Ah ne. Ich bin ja selbst ne Frau. Aber so ernst klang dieser Satz aus Peters Mund, dass ich es einfach damit assoziieren musste. Oder war jemand gestorben? Vielleicht meine unbekannte Verwandte?
"Ähm ... was war denn mit dieser gemeinsamen Nacht?" Ich verfluchte meine fehlenden Erinnerungen. Was zum Geier war damals passiert?
Peter erzählte mir schließlich, dass wir uns beide an dem Abend total zugesoffen hattten und schließlich gemeinsam in mein Zimmer gingen. Dort hatten wir tiefe philosophische Gespräche geführt. Ich hatte ihm einen Auszug aus meinem aktuellen Manuscript gezeigt (Welcher Teufel hatte mich da geritten? Das war absolut VERBOTEN das nicht fertig gestellte Schriftstück zu lesen!) und er hatte sich letzlich ein Herz gepackt und mir eine wichtige Frage gestellt. Und ich hatte eingewilligt. Aber mein Versprechen hatte ich bis heute wohl nicht erfüllt weshalb er mir in der Disko den Zettel zugesteckt hatte.
Kein Wunder. Ich wusste ja immer noch nicht um was es überhaupt ging. Langsam ging mir diese uminöse "gemeinsame Nacht" tierisch auf den Keks.
"Hör mal Peter ich will ehrlich zu dir sein. Aber ich habe mir an diesem Abend das komplette Hirn weggeschossen. Ich kann mich an absolut NICHTS erinnern. Weder an unsere Gespräche, noch was ich getrunken hatte, noch wie wir miteinander geschlafen haben. Oder nicht geschlafen haben .."
"Ich soll bitte was?" Peter sah mich entsetzt an. "Ich würde niemals mit dir schlafen Sarah!"
Dieses Entsetzen in den Augen. Ich war nun total gekränkt. Soooo abstoßend konnte ich doch nun auch wieder nicht sein dass man so ein Ekelempfinden mir gegenüber äußert!
"Na hör mal!"
"Aber jetzt verstehe ich auch deine Reaktion! Du dachtest du ganze Zeit wir hätten miteinander geschlafen?"
"Nein, dass wusste ich ja eben nicht. Ich habe es .. na ja..."
"Befürchtet?"
"Weißt du "befürchtet" ist eigentlich nicht das Wort, was ich verwenden wollte ..." versuchte ich vorsichtig auszuweichen.
"Schon gut. Mir ist alles klar. Mit so einem fetten Klops würdest du dich nie im Bett wieder finden wollen. Kaum einer will das. Schon klar." Peter nahm einen kräftigen Schluck von seinem Kaffee. "Aber ich nehme es dir nicht übel. In Wahrheit ekel ich mich davor mit DIR zu schlafen insofern ist es nur fair, wenn du das Selbe von mir denkst."
Ich musste ihn total geschockt angesehen haben. Klar. Weil mir ging grad im Kopf rum, was an mir so abstoßend sein könnte. Jede Frau würde sich an dieser Stelle das selbe fragen! Wir sind schließlich alle eitel! 
Peter lächelte plötzlich.
"Ach Sarah nimm es nicht so ernst. Du bist voll hübsch. Glaub mir. Jeder Mann schaut dir nach, wenn du nicht hinsiehst. Nur ... ich eben nicht."
"Das klang eben ganz anders!" motzte ich.
Peter sah mich an "Ich meine es ernst."
Ich sah im in die Augen. Ja er meinte es ernst.
Dann fiel der Groschen.
"Du bist schwul?!" Es war mehr eine Feststellung als eine Frage.
Peter lief direkt wieder rot an. Und nickte.
Und plötzlich konnte ich mich auch wieder an das Versprechen erinnern.

Samstag, 6. August 2011

9. Folge: In der Disko

Flackerndes Licht.
Der Beat.
Vibrationen im Körper.
Gänsehaut.
Alles vergessen.
Trance.
Tanzen.
Einfach nur Tanzen.

Wenn ich in die Disko gehe, dann lasse ich mich fallen. Ich verschmelze mit den schwitzenden Menschen um mich herum zu einer Masse. Eine Einheit. Das Gestern ist dann Vergangenheit. Das Morgen noch nicht gekommen. Und das Hier und Jetzt unwichtig. Mein Körper liebt es, wenn die Musik durch jede Muskelfaser schwingt. Ich spüre jede einzelne Nuance des Stückes. Nehme sie in mir auf. Wie eine Durstleidende in der Wüste. Genieße jeden Augenblick. Ich bin ganz für mich alleine. Der DJ spielt nur für mich. Er weiß was ich will. Der perfekte Liebhaber. Der Kopf ist ausgeschaltet. Der Körper fremd. 

Das ist der Augenblick, in dem ich absolute Freiheit empfinde. Ich sammel sie wie wertvolle Perlen. Und achte darauf, diese Momente auszukosten. Unsere Welt ist voll von Hektik und Ängsten. Grenzen sind immer und überall gesetzt. Es sind diese wertvollen Momente, die ich beim Schreiben und Tanzen empfinde die mich wissen lassen: Ich bin ICH. Und ich bin eins mit meiner Umwelt und Teil eines großen Ganzen. Ich bin glücklich.

Leider sind diese Momente immer von kurzer Dauer. Eve knufft mir irgendwann in die Seite und bedeutet mir mit einer Handbewegung zum Mund, dass sie was trinken möchte. Gemäß unserer Absprache lassen wir uns in der Disko nie alleine, wenn wir nur zu zweit unterwegs sind. Hinterher wird sonst noch einer von uns geklaut und landet mit K.O. Tropfen bei irgendeinem schmierigen Kerl in der Wohnung. Oder auf dem Müll mit offener Kehle, gespreizten Beinen und aufgerissener Muschi.
Ich hatte Eve in die Disko begleitet, nachdem wir unseren Vertrag gemeinsam unterschrieben hatten. Nun standen wir beide an der Theke und zum aller ersten Mal machte sich Eve keine Mühe, den Barkeeper anzuflirten. Im Allgemeinen hatte ich das Gefühl, dass Eve an diesem Abend extrem locker war. Irgendetwas hatte diese Aktion in ihr ausgelöst. Wahrscheinlich war es ihr Ehrgeiz Wetten zu gewinnen. Eve liebt Wetten und hasst es zu verlieren. Das wusste ich. Und den Preis den die verlorene Wette ausmachen würde wäre schon etwas schmerzhafter für Eve.
Während ich Eve anstarrte und so meinen Gedanken über ihre Spontanwandlung nachging schob mir der Barkeeper meinen Pina Colada zu. Als ich das Glas anhob bemerkte ich einen kleinen Zettel unter dem Glas. Fragend sah ich den Barkeeper an. Er zwinkerte mir zu und zeigte auf die andere Seite der Bar. Ich blickte hinüber und sah einen moppeligen jungen Mann. Mir kam er bekannt vor, ich wusste nur nicht woher. Er lächelte mir verlegen zu.
Und dann fiel es mir wieder ein. Die Nacht nach der Feier! Der Typ, den ich am nächsten Morgen in meinem Bett gefunden hatte. Ich merkte, wie mir die Röte ins Gesicht stieg und drehte mich weg. Mir war es total unangenehm. Schließlich wusste ich immer noch nicht genau, was an diesem Abend genau passiert war. Ich lotste Eve schließlich wieder auf die Tanzfläche. Schließlich war ich hier um zu feiern, nicht um zu grübeln.
Die Nacht schritt schnell voran und ehe ich mich versah wurde die Disko geschlossen. Gut gelaunt, gut angetrunken und Arm in Arm verließen Eve und ich die Disko. Verabschiedeten uns beim Türsteher und gingen in die Nacht hinaus. Als wir um die Ecke bogen, um uns am Taxistand eine Fahrgelegenheit nach Hause zu besorgen, liefen wir in einen Mann hinein. Oder besser ich lief hinein, denn ich war diejenige, die durch die Wucht des Aufpralls nach hinten flog und mit dem Arsch auf dem kalten Asphalt landete. 
"Ey was soll das! Pass doch auf!" maulte ich unfreundlich und blickte auf. Und erschrak. Vor mir stand wieder dieser Kerl. Das Walross mit dem Pinup-Girl-Tattoo.
"Tut mir echt leid." nuschelte er, aber sein Blick war seltsam zwischen meine Beine fixiert. Ich bemerkte, dass ich beim Sturz breitbeinig liegen geblieben war. Ich trug einen Rock. Und eine lila Unterhose mit den Worten "Kiss me". So schnell wie ich in meinem besoffenen Zustand konnte hiefte ich mich selbst wieder auf die Beine. Eve war keine Hilfe. Die hatte einen Lachflash und fand die ganze Situation urkomisch. Ich nicht. 
Das Walross stand still vor mir und sah mich erwartungsvoll an. 
"Hast du meine Nachricht bekommen?" fragte er schließlich. Zunächst wusste ich nicht was er meinte, dann erinnerte ich mich wieder an den Zettel. Ich hatte ihn nicht angeschaut sondern nur gedankenverloren in eine kleine Tasche an meinem Rock rein gestopft. Was auf diesem Zettel stand wusste ich also nicht. Aber wahrheitsgemäß erwiderte ich, dass ich den Zettel erhalten hätte.
"Und? Was denkst du dazu?"
Ich sah ihn schweigend an. Was sollte ich antworten?
Option 1.) Sorry ich habe mir deine Nachricht nicht angeschaut, war dafür schon zu besoffen.
Option 2.) Joah ... aber was ist deine Meinung dazu? (und damit indirekt die Wiederholung des Inhaltes erläutern lassen)
Option 3.) Ja ich bin ganz deiner Meinung.
Option 4.) Nein Mann! Ich bin hier um zu feiern und nicht um zu lesen!

Option Nummer zwei erschien mir an dieser Stelle am diplomatischsten. Das Walross druckste rum. 
"Also ich würde mich da echt drüber freuen, wenn das mal funktionieren würde. Natürlich könnte ich das verstehen wenn du nicht willst."
Eve preschte für mich vor: "Ach was! Hazel ist da total cool. Die macht das mit dir! Haben wir schon drüber geredet. Überhaupt kein Problem! Es gibt nichts was sie nicht kann!"
"EVE!"
Das Walross begann zu lächeln. "Das wäre wunderbar. Ich freu mich schon! Dann bis Donnerstag!" und ehe ich irgendetwas dazu erwidern konnte war er verschwunden. Mit bösen Blicken strafte ich Eve. Sie bemerkte die Folter kein Stück.
"Eve in was hast du mich da wieder rein geritten! Du kannst doch nicht für mich irgendwelche Entscheidungen treffen. Noch dazu weß ich nicht mal WAS du entschieden hast."
Das besoffene Lachen wurde unterdrückt. "Hazel, ganz ruhig. Es wird schon nicht so schlimm sein. Ich mein du hattest doch schonmal deinen Spaß mit ihm gehabt."
"Das war kein Spaß. Das war dummes nebeneinander liegen. ... Hoffe ich zumindest."
Meine durchwühlte meine Erinnerungen. Aber egal wie sehr ich mich anstrengte es kam nichts dabei rum.
Ich erinnerte mich an den Zettel. Er würde bestimmt das Rätsel lösen. Ich zog den Zettel aus der Tasche. Natürlich fiel er erstmal auf den nassen Boden, es hatte wohl zwischendurch geregnet. Vorsichtig öffnete ich den angefeuchteten Zettel. 

Hallo Hazel,
in Erinnerung an unsere gemeinsame Nacht würde ich mich freuen, wenn wir uns mal auf einen Kaffee treffen könnten. Was hälst du von nächsten Donnerstag?
Dein Peter

Dein Peter? Gemeinsame Nacht? War da doch mehr gelaufen als ich vermutete? Ich war wieder total nüchtern. Eve hatte mir über die Schulter geschaut. Lallend und mit voller Überzeugung sagte sie schließlich zu mir: 
"Ups. Ich denke da habe ich dir wohl zum Sex am Donnerstag verholfen."

Freitag, 29. Juli 2011

8. Folge: Der Vertrag

"Bitte Hazel! Du MUSST mitkommen!" jammerte Eve und sah mich dabei mit flehenden Augen an. Sie waren blau und schimmerten schon so verräterisch, als ob sie gleich los heulen würde.
"Verdammt Eve das ist eine blöde Idee. Warum soll ausgerechnet ich da hin gehen? Ich will doch niemanden finden." gab ich zurück und mein Blick wanderte wieder zurück auf Seite 512 meines Buches "Der Todeskünstler" von Cody McFadyen. Das Smokey Barret gerade Einblick in die Psyche und Vergangenheit des Serienkillers erhielt war für mich viel spannender, als das Gejammere von Eve.
"Aber Hazel! Ohne dich mag ich da nicht hin gehen. Ich habe uns schließlich beide dafür angemeldet." Als ich nicht reagierte setzte sie kleinlaut hinzu "Außerdem habe ich schon für uns beide die Teilnahmegebühr bezahlt."
Nun wurde ich tatsächlich hellhörig.
"Eve, du meldest mich einfach zu dieser Scheiße an auf die ich überhaupt kein Bock habe, ohne mich auch nur ansatzweise zu fragen? Und dann bezahlst du auch noch Teilnahmegebühren? Bist du bescheuert?"
"Ich bin vor allem verzweifelt!" jammerte sie. "Ich meine, jeder in meiner Umgebung hat einen Freund oder heiratet demnächst und ich finde immer nur solche Arschlöcher die mich nach zwei Tagen wieder verlassen. Für dich mag es wie eine dumme Aktion aussehen, für mich ist das ein Strohhalm namens Hoffnung an den ich mich klammere. Und alles worum ich dich bitte ist, mich doch einfach nur auf dieses Speed-Dating zu begleiten. Ich traue mich da nicht alleine hin!"
"Wieviel?" fragte ich.
"Hmm?"
"Wieviel Gebühr musstest du für diesen Abend bezahlen?"
Eve druckste herum. "Die Anmeldegebühr betrug 55 EUR pro Nase. Und wird nicht zurück erstattet ..."
"EVE! Das ist doch krank!"
Nun sagte sie nichts mehr. Statt dessen starrte sie nur noch beschähmt auf den Boden. Mit einer etwas ruhigeren Stimme sprach ich schließlich zu ihr.
"Hör mal es bringt doch nichts wenn du auf Teufel komm raus immer versuchst irgendwelche Kerle zu finden. DEN Mann zu finden. Das stresst dich doch nur und macht dich noch verzweifelter, wenn es wieder in die Brüche geht. Lass es doch einfach mal auf dich zukommen. Der richtige Mann ist bestimmt schon in deiner Nähe und du siehst ihn vor lauter Übereifer nicht."
Eve funkelte mich böse an. "Du verstehst das nicht. Niemand versteht mich. Alles was ich möchte ist nur eine glückliche Zukunft. Ich möchte einen Mann haben der mich umsorgt. Der mir Kinder schenkt. Ich möchte Mutter werden, Hazel. Keine berühmte Schriftstellerin wie du oder ein erfolgreicher Mode-Designer wie Pierre. Alles was ich möchte ist tatsächlich Mutter werden. Mit einer glücklichen Familie. Ich will keine drogenabhängige Alleinerziehende wie meine Mum sein, die jeden Tag mit einem anderen Kerl neben dem Kinderzimmer rumvögelt das die Wand bollert. Ich will es "richtig" machen."
Sie ließ sich auf den Boden plumpsen, zog die Beine an sich heran und legte die Stirn auf die Knie. Erst bei diesem Anblick hatte ich zum ersten Mal seit unserer Bekanntschaft verstanden, wie wichtig ihr diese ganze Sache war. Das da so viel mehr dahinter steckte, als nur ein verletztes Ego oder Neid gegenüber bestehenden Paaren. 
Smokey Barrett war vergessen. Ich legte mein Buch zur Seite und robbte auf den Boden. Nahm Eve in den Arm und flüsterte: "Ich kann verstehen, wie es in der aussieht. Aber glaube mir: wenn du so weiter machst verlierst du den letzten Funken Respekt vor dir selbst. Jede Woche mit einem anderen zusammen sein. Vielleicht sogar mit ihm ins Bett zu gehen. Findest du nicht, dass dich das eher wie deine Mutter wirken lässt?"
Eve seufzte. "Du hast ja Recht Hazel. Aber diese Gedanken sind immer da und ich muss ihn finden. Ich kann es nicht abstellen. Ich weiß nicht wie."
Ich überlegte einen kurzen Moment. Dann bedeutete ich Eve auf mich im Wohnzimmer zu warten und ging in mein Zimmer an meinen Laptop. Obwohl Eve neugierig hinüber starrte und einen langen Hals machte, geduldete sie sich. Schließlich kam ich aus meinem Zimmer. In meiner Hand hatte ich zwei DIN A4 Seiten in der Hand. Ich gab sie Eve zu lesen.
Die Augen flogen über die Zeilen. Dann blickte sie zu mir auf. "Ist das dein Ernst?"
"Japp."
"Warum sollte ich mich darauf einlassen?" fragte sie.
Ich zuckte mit der Schulter. "Entweder du akzeptierst es und findest so endlich deine Ruhe. Oder du lässt es bleiben und machst weiter wie bisher. Und das was bisher war, macht dich ja nicht wirklich glücklich oder? Was hast du also zu verlieren?"
Eve las sich die Seiten noch zwei Mal durch. Dann ging sie zum Wohnzimmerfenster und blickte in die anbrechende Dunkelheit hinaus. Ich selbst zog mich in die Küche zurück und öffnete eine Flasche Asti. Goß zwei Gläser damit ein. Siegessicher.
Schließlich kam Eve zu mir. "Wo ist der Stift?"
Ich hielt ihr meinen blauen Kugelschreiber hin. "Du willst es also mal probieren?"
Statt zu antworten kritzelte sie Ihre Unterschrift auf das Ende der Seite. Zwei mal. Energisch hielt sie mir den Kugelschreiber unter die Nase. Auch ich nahm den Stift und unterschrieb auf beiden Seiten. Feierlich und mit guter Laune. Ein Exemplar überreichte ich Eve. Das andere steckte ich mir in die Hosentasche.
Dann nahmen wir beide unsere Gläser, prosteten uns zu und tranken den Sekt. Eve war zwar noch skeptisch, aber sichtlich besser gelaunt. Danach zogen wir uns ins Bad zum Schick-Machen zurück. Das Speed-Dating konnte losgehen. Als wir aus der Wohnung traten in die Nacht hinein erhaschte ich noch einmal einen Blick auf die Blätter und schmunzelte.

Hiermit legen ich, Eve Meyer, und meine Freundin und WG-Genossin Sarah Hennington, fest, dass der heutige Speed-Dating-Versuch die vorerst letzte Eigeninitiative in der Partnersuche meinerseits darstellt. Sollte sich im heutigen Speed-Dating kein passender Lebenspartner für mich finden gelobe ich, dass ich ein Jahr lang keine aktiven Versuche unternehme, um eine Partner für mich zu finden. Sollte ich diese Frist nicht beachten so verpflichte ich mich Sarah Hennington ein ganzes Jahr lang einmal im Monat wunschgemäß Bücher im Wert von bis zu 20 EUR zu kaufen. Im Gegenzug verpflichtet sich Sarah Hennington, im Falle eines erfolgreichen Jahres ohne aktiver Partnersuche meinerseits, mich auf meinen Wunsch hin auf jeder Party zu begleiten und den Eintritt zu bezahlen. Die Frist der Verpflichtung wird auf ein Jahr begrenzt.

Wenn es eine Sache gab, die Eve noch wichtiger war, als den richtigen Mann zu finden, dann war es das Gewinnen von Wetten. Das Spiel war eröffnet.

Freitag, 22. Juli 2011

7. Folge: Jobben im Café

Wie viele Studenten gehöre auch ich zu den Personen, die sich ihren Lebensunterhalt durch einen Job neben dem Studium finanziert. Ich gehe regelmäßig in einem Café jobben. Zu meinen Aufgaben gehört sowohl das Servieren von wohlschmeckenden Kuchen und Getränken, als auch das Abwaschen von Geschirr. Zugegeben: abwaschen ist nicht meine favourisierte Beschäftigung in dem Café. Aber Geld ist Geld und solange ich mich nicht ausziehen oder in die Prositution begeben muss ist das vollkommen ok.
Aber es gibt auch etwas an meine Job das ich hasse. Es ist dieses Ekelpaket von alten Sack der jeden Tag mehrere Stunden im Café abhängt. Nicht nur, dass er nur eine Tasse Kaffee trinkt und es schafft diese den ganzen Tag in kleinen Schlücken in die Länge zu strecken. Gut für seinen Geldbeutel, schlecht für unseren Umsatz. Nein, der Kerl ist auch noch ein Schwerenöter erster Ordnung. Jedes hübsche Mädchen, dass in das Café kommt wird von ihm angegafft. Oft unter dem Deckmantel der Ungeschicklichkeit. Jede neue Serviererin wird erst einmal genau unter die Lupe genommen. Und sollte eines der Mädels mal so dumm sein und am Arbeitsplatz einen Rock tragen erfolgt im Laufe des Abends ein "Missgeschick" der besonderen Art. An einem Abend hatte er sogar einen Herzanfall simuliert, nur um durch zusammengekniffenen Augen der verschreckten Amelie die Farbe des Höschens abzulesen. Kaum hatte er gesehen was er sehen wollte geschah - was für ein Zufall - eine Wunderheilung und unser spezieller Gast verschwand aus dem Café. 
Leider ist mein Chef Antonio der Auffassung dieser Spinner sei eine Attraktion des Cafés und ein guter zahlender Kunde. Aufgrund seiner Phantasie wäre der Typ (den ich übrigens insgeheim immer Mr. Ständer nenne) doch immer wieder für eine Überraschung gut was Antonios Café populärer und attraktiver für weitere Kunden mache. Ich befürchte solange Antonio diese Einstellung behält wird es wohl nie zum Hausverbot kommen.
Heute allerdings musste sogar ich über Mr. Ständer lachen. Mr. Ständer hatte sein übliches Pensum an sinnlosem Abhängen in Antonios Café überschritten. Leider war heute kein schönes Opfer für ihn da gewesen, kein Frischfleisch, an dem er sich hätte reiben können. Nur meine Wenigkeit die ab und an heimlich in seinen Kaffee spukt,als Rache für die vielen unwissenden, unschuldigen Mädchen, die er mit den Augen vergewaltigt. Mr. Ständer war im Begriff zu gehen und ich kassierte gerade bei ihm ab als eine große, hübsche, blonde Frau in einem roten Cocktailkleid in unser Café trat. Er hatte sie natürlich sofort ins Auge gefasst. Statt nun zu bezahlen und mir das Geld in die Hand zu drücken nuschelte er, ich sollte ihm einen weiteren Kaffee bringen. Innerlich fluchend und der festen Überzeugung dies würde ein schrecklich langer Abend werden setzte ich ihm eine weitere Tasse Kaffee vor die Nase. Dann ging ich hinüber zu der blonden Schönheit.
"Was kann ich für Sie tun?" fragte ich höflich wie immer.
"Nun Sie könnten damit anfangen, indem Sie mir die Nummer von diesem netten Kerl besorgen. Und dann hätte ich gerne einen Latte macchiato." Sie blickte an mir vorbei. Irritiert sah ich in die Richtung und sah, dass sie Mr. Ständer meinte.
"Ähm ganz unter uns... ich glaube nicht, dass Sie der Typ interessiert." flüsterte ich warnend. "Der ist nicht ganz dicht. Bei der ersten Gelegenheit wird er Ihnen an den Po grabschen."
Sie lächelte. "Ach. Tut er das?"
Noch verwirrter ging ich zu Kaffemaschine. Aus dem Augenwinkel beobachtete ich ein wildes Flirtverhalten. Oder zumindest deute ich es als solches. Sie streckte demonstrativ ihre Möpse den gierigen Blicken des Ekelpaketes entgegen, er stierte ungeniert hin und leckte sich dabei den Mundwinkel. Ein Schauer lief mir über den Rücken. Allein die Vorstellung die beiden könnten es ernst meinen ließ meine Haut jucken. Aber ich bin ein Profi und so lieferte ich brav den Latte aus und wand mich dem nächsten Gast zu.
Keine fünf Minuten später bemerkte ich, wie die Blonde aufstand, zum Tisch von Mr. Ständer ging und ihm etwas ins Ohr flüsterte. Er bekam ein breites Grinsen auf die Lippen. Dann ging sie in Richtung Toilette. Er direkt hinterher. Ich tat so, als würde ich nichts bemerken. Das war mir dann doch eine Spur zu krass, als das ich mich da einmischen wollte. Und schon gar nicht wollte ich riskieren ihn ... na ja ... eventuell nackt zu sehen. Bäh.
Gefühlte zehn Minuten später hörte plötzlich das ganze Café einen lauten Schrei. Alle Anwesenden erstarrten vor Schreck. Es kam aus der Toilette. Und kaum war der Schrei ertönt sah man Mr. Ständer aus der stillen Örtchen rennen. Die Hose noch offen. Er fluchte und murmelte "Verdammter Wichser! Perverser!" , rannte an uns vorbei und war aus dem Café verschwunden. 
Aus der Toilette schlenderte ganz ruhig die blonde Lady, rückte ihr Kostüm zurecht und setzte sich wieder auf ihren Platz. Mit einer Geste signalisierte sie mir, dass sie noch etwas bestellen würde. Als ich an den Tisch trat sprach eine männliche Stimme zu mir:
"Du hattest Recht, Braunäuglein. Der Typ interesisiert mich nicht."

Donnerstag, 14. Juli 2011

6. Folge: Die Aussprache

"Hi Hazel. Denkst du an mich?"
Ich war wie versteinert. Gestern erst hatte ich mir geschworen, dass ich niemals etwas mit Mike, meinem WG-Genossen anfangen wollte und dann kam diese blöde SMS rein. Mit diesem winzigen kleinen Text. Und alles war wieder fraglich. Was hatte das alles zu bedeuten? Hin und her gerissen lief ich den ganzen Abend in meinem Zimmer auf und ab. Die Gedanken wanderten hin und her. Typische "Was wäre wenn ..." Gedanken rasten durch meinen Kopf. Spielten jede einzelne Situation durch. Was wäre, wenn ich die SMS einfach nicht beachte? Was wäre, wenn ich auf die SMS antworte? Was wäre, wenn ich mit Mike zusammen kommen würde? Was wäre, wenn ich nicht mit Mike zusammen komme? Was wäre, wenn ich mit Mike nur eine Bettaffäre hätte? Was wäre, wenn Eve oder Pierre das heraus fänden? Was wenn, wenn, wenn, wenn, wenn ...? Es war zum aus der Haut fahren. Und doch kam ich immer zum gleichen Ergebnis: ich musste mit Mike darüber reden. Es brachte absolut gar nichts, wenn ich weiter tiefe Laufringe in meinen Zimmerboden lief. Aber es gab da ein Problem: ich hasse Konfrontationen! Ich bin nicht gut in sowas. Ich habe es gerne ruhig. Alles muss harmonisch miteinander sein und miteinander umgehen. Bisher hatte dies, bezogen auf unser WG-Leben wunderbar funktioniert. Es widerstrebte mir, dass ausgerechnet ich diese blöde Kuh sein sollte, die alles vernichten könnte.
Aber es half nichts. Da musste ich wohl durch.
Also stand ich heute früh auf. Geschlafen hatte ich eh nicht viel. Ich machte mir einen Kaffee. Ohne Zucker. Ohne Milch. Einfach nur schwarz. Während ich meinen Kaffee schlürfte hörte ich im Treppenhaus Schritte. Ich hatte vorher in Mikes Zimmer geschaut. Er hatte heute auswärts übernachtet. Mein Herzschlag schlug stärker. Mein Hals wurde trocken. Gleich war es soweit. Gleich würde es zur Konfrontation kommen. Oh wie ich diese Situationen hasste.
Der Schlüssel wurde im Türschloss leise umgedreht. Dann öffnete sich die Tür einen kleinen Spalt breit. Schließlich schlüpfe Mike durch die Tür, ganz darauf bedacht niemanden in unserer WG um vier Uhr morgens zu wecken. Als er die Tür geschlossen hatte und sich zu Küchentür umdrehte war er zunächst erschrocken, jemanden am Küchentisch sitzen zu sehen. Er setzte jedoch sofort sein charmantestest Lächeln auf, als er mich sah.
"Hey Hazel! Alles klar bei dir? Warum bist du so früh auf?" flüsterte er.
"Hey Mike. Ich konnte nicht schlafen." erwiderte ich wahrheitsgemäß.
Mike kam zu mir herüber, legte dabei seine Jacke im vorbeigehen auf der Küchentheke ab. "Hübsche Frauen wie du sollten aber ihren Schlaf ernst nehmen. Sonst kriegen sie zu früh Falten."
"Ha ha!" meinte ich nur. Innerlich dachte ich: Oh mein Gott! Er hat hübsche Frau zu mir gesagt! Ich wies mich aber direkt selber zurecht: Du Idiot, das sagt er zu jeder Frau! Das ist seine Masche!" 
Mike nahm sich seine Kaffeetasse aus dem Schrank und nahm sich ebenfalls etwas Kaffee. Dann sah er mich mit ernsten Blick an.
"Also Hazel? Was ist nun wirklich mit dir los? Du bist wie ein offenes Buch für uns. Dir liegt doch irgendetwas auf dem Herzen."
Ich schluckte. Nun war derMoment der Wahrheit gekommen. Es musste ausgesprochen werden. Meine Kehle war wie zugeschnürrt.
"Weisst du Mike. ... Es gibt da tatsächlich etwas, was mich beschäftigt." Ich musste wegschauen, als ich seine erwartungsvollen Augen sah. "Wegen deiner SMS von gestern Abend ..."
"Ja genau. Die SMS. Und hast du an mich gedacht?"
"Ähm nun ja ..."
Mikes Stimme klang enttäuscht. "Mensch Hazel. Du hattest es mir doch versprochen. Jetzt sag bloß du hast es nicht geholt."
Versprochen? Geholt? Ich sah Mike fragend an. "Wovon redest du?"
"Wie wovon ich rede? Gestern morgen hattest du mir hoch und heilig versprochen mir die Nummer von der süßen neuen Blonden aus deinem Studium zu besorgen. Und nebenbei wolltest du im Supermarkt nach Duschgel für mich schauen. Ich hatte dir sogar extra das Geld in die Hand gedrückt."
Jetzt begann er wieder zu lächeln. "Eigentlich weiß ich ja, dass du im Moment etwas schusseliger bist. Deshalb habe ich dir ja gestern noch die SMS geschrieben. Als kleine Erinnerung."
Das war also die Bedeutung von der SMS gewesen. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Doch keine einschneidenden Ereignisse in der WG. Es ging nur um Duschgel. Einfaches Männerduschgel. Ich legte meine Hand auf Mikes Hand und lächelte. "Sorry Honey. Ich habe es tatsächlich vergessen. Aber weißt du was? Dafür habe ich mir vorgenommen heute extra früh los zu gehen. Der Supermarkt hier um die Ecke macht schon um sechs auf. " ...

Samstag, 11. Juni 2011

5 Folge: Das "Verbrenn mich Zettel"-Ritual

"Man Hazel! Auf was für Schnapsideen kommst du eigentlich?"
Eve schenkte sich einen kräftigen Schluck Prosecco ins Sektglas ein. Es war Teil unseres gemütlichen Wochenrituals. Wir, das heißt Eve, Pierre und ich zusammen mit Pralinen, Sekt und unsere Lieblings-TV-Sendung "Sex and the City". Nun mag der eine oder andere sagen, dass die Serie "Sex and the City" schon seit langer Zeit out ist, aber wir sahen die Serie ja auch nur nebenbei. Eigentlich war es mehr unser Abend, an dem wir uns bewusst zusammen setzten und gemütlich über die Geschehnisse der Woche plauderten.

Und heute hatte ich von meinem Erlebnis mit Mike erzählt. Ich hatte meinen beiden WG-Genossen von diesem seltsamen Abend erzählt, bei dem Mike mich fast geküsst hätte. Bzw. es eben nicht getan hatte. Mich aber letzten Ende komplett damit verwirrt hatte. Seit diesem Abend wusste ich nicht mehr was ich denken sollte.
"Wenn ich es dir sage, Eve: er war ganz nahe an meinem Mund. Er hatte mein Kinn zwischen seinen Händen und den Blick fest auf mich gerichtet! Der wollte mich küssen."
"So ein Blödsinn." brummelte Eve in sich hinein. "Da brauchst du dir gar nichts drauf einzubilden."
Pierre hatte sich auf dem Boden auf den Rücken gelegt und seinen Kopf auf meinen Schoß drapiert. Während er sein Glas in der Hand schwenkte und der flüssigen Bewegung folgte sagte er schwärmerisch:
"Also wenn ICH in dieser Situation gewesen wäre, ich hätte Mike überzeugt mir in mein Schlafzimmer zu folgen."
"Mike ist doch nicht schwul!" rief Eve aus.
"Vielleicht wäre er es am nächste Morgen gewesen." Pierre zwinkerte mit dem Auge. "Also ich würde ihn defintiv nicht von der Bettkante schubsen."
"PIERRE!"
Mein Gefühl (und auch meine Ohren) sagten mir, dass sich hier wohl ein Interessenkonflikt anbahnte. Vielleicht war es nicht so klug von mir gewesen, die Sache mit Mike anzusprechen. Eve war im Moment ein wenig kratzig, weil sie schon wieder von "der großen Liebe" abgewiesen worden war. Ich habe aufgehört die Verflossenen zu zählen. Ich bin mir noch nicht mal sicher, ob ich tatsächlich alle erfassen würde. Zwischen der Schwärmerei in der Uni und dem Ausheulen am Abend konnten bestimmt noch zwei oder drei dazwischen liegen. Ok das war nun etwas hart ausgedrückt, aber ich stelle euch ja nur meine subjektive Wahrnehmung meiner Umgebung dar.

Jedenfalls hatte ich trotz unseres "Sex and the City"-Abends nicht das Gefühl, großartig die Situation für mich geklärt zu haben. Angeschickert und immer noch verwirrt lag ich schließlich in meinem Bett. Versuchte irgendwie die Gedanken zu ordnen.
Was hatte Mike mit dieser Aktion bezwecken wollen? Wollte er mich tatsächlich küssen? Wenn ja, warum?

1.) Mike hegt geheime Gefühle für mich.
Abgelehnt. Mike ist definitiv nicht der Typ, der wenn er Gefühl hätte, sie verbergen würde. Gefühle sind gleich Sex für ihn. Und Sex habe kann und will er immer. Davon bin ich überzeugt.
2.) Mike wollte eine "Zwischenmahlzeit"
Die Idee kam schon eher ran. Aber letztlich verwarf ich auch diesen Gedanken. Mike ist an sich kein schlechter Kerl. Er wüsste genau, dass er mich damit verletzen könnte. Dies widerrum könnte unser gutes Verhältnis in der WG-Gemeinschaft zerstören.
3.) Mike ... ist einfach ein Mysterium.
Ich seufzte. Na super. Jetzt befand ich mich mit meiner Analyse wieder am Anfang. Vielleicht musste ich einfach die Sichtweise verändern. Eventuell würde mich das weiter bringen?
Was verspricht sich Hazel von seiner Aktion?
1.) Sie hätte gerne einen festen Freund.
Hmm na ja. Frauen wollen immer einen festen Freund haben. Einen Mann an ihrer Seite an den sie sich schmiegen und ausheulen kann. Der sie versteht und so. Bla bla. Tatsache war: ich bin seit gut einem Jahr Single. Und es gefällt mir. Keine Verpflichtungen. Man muss sich nicht rechtfertigen. Und den Mann, bei dem ich mich ausheulen kann habe ich ja im Hause: Pierre. Was also soll ich mit einem neuen Freund? Außerdem wäre Mike gar nicht der Typ für eine feste Beziehung.
2.) Sie hätte gerne wieder Sex.
Ähm ja kann schon sein. Spießer-Sarah ist halt nicht so für's masturbieren. Auch wenn Eve anderer Meinung ist und ihr jedes Jahr zum Geburtstag irgendwelche Sexspielzeuge schenkt. Aber der kleine lila Delfin mit Bananengeschmack-Überzug ist nicht so ganz das, was sich Sarah unter "besinnliche Stunden" vorstellt. Seit der letzten Party, wo ich das Walross in meinem Bett gefunden hatte, hat sich auch der verlockende Gedanke von One-Night-Stands irgendwie verflüchtigt.
3.) Aber Mike ist ein Sexgott!
Ja ok das Argument ist gut. Ich meine ich sehe ihn ja regelmäßig ... nackt ... irgendwie ...sich einen Kaffee holen ... oder so. Und ja er sieht umwerfend aus, wenn er sein weißes Badehandtuch mit den gelben Quietscheenten darauf um die Hüfte geschlungen hat. Ja und mein Gott ich bekomme dabei halt ein feuchtes Höschen aber ... es ist Mike!
Mike, mein WG-Mitbewohner.
Mike, mein Kumpel, der genauso wie ich erstmal einen Kaffee braucht um den Tag zu starten.
Mike, der sich bei anstehenden Prüfungen immer mit mir hinsetzt und für die Klausuren paukt.
Mike, der ständig mit irgendwelchen Bitches durch unsere Wohnung läuft.
Und bis zu dieser "fast-beinah-Kuss-Szene" war für mich alles ok und klar! Ich war glücklich so wie unsere WG funktionierte. Wollte ich daran etwas ändern? Wollte ich es wirklich für ALLE ändern? Denn angenommen ich hätte etwas mit Mike, wäre vielleicht sogar offiziell mit ihm zusammen: die WG wäre nie wieder so, wie sie vorher war.

Ich tat schließlich das, was ich immer tat, wenn ich gedanklich mit irgendetwas abschließen möchte: ich schrieb einen "Verbrennunwiderkehrbares an sich. Du kannst es nicht nochmal durchstreichen, weg radieren oder mit Tipp-Ex korrigieren. Es ist gebannt für alle Lebenszeit. So hatte ich unter anderem vor gut zwei Jahren endlich geschafft mit dem Rauchen aufgehört.
Also nahm ich eines meiner gelben Post-its und überlegte. Ich überlegte lange. Das Schwierige an der ganzen Geschichte ist eigentlich nur, den absoluten Satz zu schreiben. Ein Satz wie "Wenn die Sonne scheint werde ich zukünftig vielleicht joggen gehen." ist nichts wert.  Zuviele "was wäre wenn"-Situaionen, zuviele äußere Einflüsse. Zuviele Hintertüren.
Ich lief auf und ab. Schließlich fand ich den Satz, den ich auf das Papier bringen konnte:
"Kein Sex mit WG-Mitbewohnern!"
Ja, der Satz war es! So war die Sache rund. Nun nur noch das Ritual. Ich nahm meine "Verbrenn mich Zettel"-Spezialschale (eine einfache grüne Schale aus Keramik von IKEA, sie wird aber für absolut nichts anderes benutzt) und legte das Papier zusammengefaltet auf den verrusten Schalenboden. Dann nahm ich ein "Verbrenn mich Zettel"-Streichholz (von irgendeiner Party mal abgestaubt) und beobachtete, wie der Zettel sich langsam in Asche verwandelte.
Es war ein gutes Gefühl. Ich war stolz auf mich!
Plötzlich klingelte mein Handy. Eine SMS. Ich nahm mein Handy vom Bett und las die Nachricht.  Ungläubig blickte ich vom Handy auf und sah zur Schale rüber. Dann wieder auf das Handy.
Scheiße, dachte ich mir. Warf das Handy auf das Bett. Hob das Handy direkt wieder auf und las die Nachricht erneut. Prüfte die Rufnummer.
Kein Zweifel: sie war von Mike.
"Hi Hazel. Denkst du an mich?"